Reisebricht aus Indonesien

„Bitte singt Amazing Grace für mich!

 

Ein etwas anderer Reisebericht zwischen Irritation und Offenbarung

von Martin Bartelworth, Vorstand Stiftung Creative Kirche und Geschäftsführer Ev. Pop-Akademie in Witten

 

Wir feiern „Bergfest“. Die fünfköpfige Delegation der VEM reist weit.

Ihre Mission: In acht Tagen musikalische Bildungseinrichtungen der Kirchen auf Sumatra besuchen, um mögliche internationale Kooperationen auszuloten.

Das Team: Der für die Kooperation zwischen Pop-Akademie und VEM zuständige Delegationsleiter Jörg Spitzer, die Professorin für Bläsermusik der Hochschule für Kirchenmusik Monika Hofmann, die beiden Studierenden im Studiengang „Kirchenmusik Popular“ Henrike Kuhn und Johannes Weller und ich als Geschäftsführer der Evangelischen Pop-Akademie. Engagement, Kompetenz und Team Spirit: SEHR HOCH!

Es ist Halbzeit. Bergfest: Nach vier Tagen ununterbrochenen Terminen wollten wir schon etwas abgewrackt früh ins Bett. Zum Glück wird daraus nix. Auf Einladung des ansässigen Pfarrers Rocky Marchiano – so heißt der wirklich - haben wir uns am Abend doch noch einmal auf den Weg gemacht. Lust hatten wir keine.

Stattdessen lockt das Versprechen auf eine herrliche Aussicht vom höchsten Punkt von Sumatra. Etwas Sightseeing schadet ja nicht!

Als wir nach einer abenteuerlichen Fahrt (ich berichte zukünftigen Reisendeden lieber nichts davon) dort oben ankommen ist es ganz überraschender Weise stockdunkel. Mit der einmaligen Aussicht ist also nichts. Und doch wird sich uns auf dem Berg ein überraschend neuer Horizont erschließen. Wir ahnen es nicht auf dem Berg beim Bergfest!

Berge spielen in der Bibel eine große Rolle!

Die Autoren der Bibel nutzen die Landschaften der biblischen Welt als Bilder, wenn sie ihre Geschichten erzählen.

Das Rote Meer, die Fleischtöpfe Ägyptens, die Berge von Galiläa, der See Genezareth, der Jordan, das gelobte Land, der Berg Zion... .

In der Bibel fallen Geografie und Theologie zusammen. Vor allem den Bergen kommen besondere Bedeutung zu!

Berge sind in der Bibel ein Bild für Orte, Momente und Erfahrungen, in denen Menschen die verwandelnde Gegenwart und Realität Gottes besonders intensiv erfahren. Berge sind Hinweise auf die Momente, in denen Gott geschieht. Momente, die unsere Welt verändern.

Wir erinnern uns:

Auf dem Berg Moria hätte Abraham um ein Haar seinen Sohne Isaak geopfert, weil er dachte Gott verlange das von ihm. Doch es geschah auf diesem Berg, dass ein Engel Abrahams Hand aufhielt, bis er begriffen hatte, dass Gott Gnade will und nicht Opfer und blinden Gehorsam!
Auf dem Berg Sinai begegnete Mose Gott in einem brennenden Dornbusch. Er war dorthin gelaufen, um vor seiner Vergangenheit zu fliehen. Und er kam von diesem Berg zurück mit dem Auftrag der Befreiung Israels. Tell the Pharao – let my people go! Später übergab Gott Mose auf diesem Berg die Zehn Gebote.
Der Jesaja Autor träumt sich auf einem Berggipfel in Gottes Reich:
Schwerter werden zu Pflugscharen umgeschmiedet.
Jesus Predigt von einem Berg herab. Der Taufbefehl: Von einem Berg gesprochen!
Der Berg ist der Ort der verwandelnden, erneuernden und versöhnenden Gegenwart Gottes. Menschen kommen, Menschen lernen, Menschen gehen neue Pfade.

Genau so macht es Jesus: Jesus weiß, dass er bald sterben wird. Er nimmt Petrus, Jakobus und Johannes mit auf einen Berg. Als sie dort beten, bemerken die Jünger, dass Jesus sich verwandelt. Es ist, als würde seine Göttlichkeit durch seine Menschlichkeit hindurchscheinen. In ihrer Vision sehen die Jünger, wie Mose und Elia mit Jesus sprechen. Es ist so schön und wunderbar, dass Sie Jesus vorschlagen, lass uns hierbleiben und drei Hütten bauen: Dir eine, Mose eine und Elia eine! Im verklärten Zustand bleiben zu wollen wird umgehend abgestraft. Dunkle Wolken kommen über Sie. Sie fürchten sich: So viel Gottesnähe hält keiner aus! Gott spricht: „Dies ist mein auserwählter Sohn, den sollt ihr hören!“

Da ist nichts mit Hütten bauen. Der Weg hinunter führt mit Jesus nicht in die Weltflucht, sondern mitten hinein in die Zerrissenheit der Welt. Die Verwandlung führt nicht zur Weltflucht, sondern zu einem tieferen Engagement in der Welt!

Am Vorabend seines Todes spricht Martin Luther King in seiner Predigt: I´ve been to the mountaintop: Ich habe das gelobte Land gesehen! Gottes neue Welt! Sie ist da! Sie ist jetzt! Ende der Angst!

Nach der Hälfte unserer Reise befinden wir uns wie eingangs geschildert nach intensiven Tagen bei gutem Essen in einem für indonesische Verhältnisse sehr ordentlichen Café wieder.

Zum Schluss trinke ich dann noch den wohl besten Espresso meines Lebens! Nach dem besten Espresso der Welt ist jetzt aber auch mal gut! Wir wollen nach Hause.

Doch Rocky, der Pastor der Gemeinde nötigt uns einen Besuch in seiner Holzkirche ab. Wir sind höflich, wir machen es!

Das ist die Kirche von Rocky im Dorf Simacem. Neben dem Altar hängt rechts ein Bild an der Wand.

Das ist eine Aufnahme vom 24.09.2015. Zuvor hat der Vulkan Sinabung nach 400 Jahre andauerndem Schweigen kilometerhoch gespuckt und mehr als 22.000 Menschen die Heimat geraubt. 16 Menschen starben.

Mehr als das Bild können wir von der Umgebung draußen nicht sehen. Es ist ja Nacht. Der Berg liegt im Dunkeln. Das Bild trägt den Titel: Alone!

Eine Kirche ohne Gemeinde: Alone. Der Mensch ohne Gott: Alone!

Jesus im Garten Gethsemane: Alone! "Wir haben geglaubt", sagt Rocky, "Gott hat uns vergessen: Alone!"

Nach dem verheerenden Vulkanausbruch packt die Gemeinde an. Ausschließlich aus eigener Kraft wird die neue Holzkirche von den Gemeindemitgliedern erbaut. Das schafft keiner allein. Neue Hoffnung entsteht. Ein Foto des Aufbaus würde wohl heißen: Community (Gemeinschaft).

Als wir die Geschichte hören wird es in der Kirche beklommen still. Kurz vorher habe ich noch auf der Holzkanzel eine fiktive Gemeinde gesegnet. Einmal Pastor einer Bergkirche sein: Sehr lustig!

Jetzt kenn ich die Geschichte und halte lieber die Klappe! Nur wir fünf und der Pastor sind da. Der sagt: "Bitte singt Amazing Grace für mich”. Nach kurzer Sammlung erheben wir unsere Stimmen und singen: Amazing grace, how sweet the sound, that saved a wretch like me, I once was lost, but now I'm found, was blind, but now I see!

In unsere engen Grenzen und der Zerrissenheit der Welt zieht der Geist des lebendigen Gottes ein! Mit verändertem Horizont treten wir die Rückreise ins Tal an. Wir sind gekommen, wir haben gelernt, wir gehen in unsere Welt zurück.

Alles rückt sich etwas anders zurecht. Das nennt man wohl Jüngerschaft, wenn wir kommen, lernen und verändert leben.

Wir werden verwandelt, und in uns wächst der Wunsch, ein Teil von Gottes Verwandlung dieser Welt zu sein. Wir beginnen seinen Auftrag zu leben.

Not Alone: Amazing Grace!

 

In der Bibel fallen Geografie und Theologie zusammen. Vor allem den Bergen kommen besondere Bedeutung zu! Wie bei uns an diesem Abend. Wir haben seine Herrlichkeit gesehen: Bergfest!

Amen.